Zweite Chance

Vor mir tauchte ein riesiges Tor auf. Es war alt und knorrig. Die Torflügel öffneten sich, und ein starker Sog nahm mich in Besitz. Ich wurde mehrmals im Strudel der Gefühle umhergewirbelt und sah nichts, außer weißem Licht, durchsetzt von farbigen Fetzen, an mir vorübersausen. Dann kam ich zum Stehen.

„Guten Tag, Peter“, hörte ich eine kratzige Stimme sagen. Ich drehte mich langsam um. Da stand er vor mir: groß und mächtig. Er trug einen grünen Talar und hielt seine Hände wie zum Gebet. Sein Gesicht war aschfahl und seine Augen in dunklen Löchern verborgen. Es war mir unmöglich, zu erkennen, ob er mich ansah oder nicht. Sein Blick ging ins Leere.

‚Wer ist das?’, schoss es mir durch den Kopf.

„Ich bin der Entscheider“, entgegnete er.

Woher wusste er, was ich dachte und wo war ich überhaupt?

„Du bist hier auf der Schwelle zur Erkenntnis. Ich bestimme dein weiteres Dasein“, sprach er weiter.

Jetzt erinnerte ich mich und ein kalter Schauer jagte mir über den Rücken. Autobahn – Überholmanöver - Wagen von vorn - Dunkelheit. War ich tot?.

Ich sah mich vorsichtig um. Silberner Nebel umgab mich. In ihm schwebten drei riesige Tore. Durch eins war ich gekommen. Zwei weitere lagen gegenüber, dicht beieinander.

Irgendwo im Nichts hing eine riesige Tafel, ähnlich einem Satelliten-Monitor. Unendlich viele Linien peitschten darauf von einer Seite zur anderen. Einige waren rot, andere blau oder grün. Es gab auch gelbe und violette. Manche führten geradlinig von einer Seite zur anderen, andere in starken Schlängeln. Manche kreuzten sich mit anderen Linien oder tangierten diese nur, und einige schienen wiederum einsam dahinzugleiten.

„Das sind die Lebenslinien aller Menschen, die bereits hier waren“, hörte ich den Entscheider heiser flüstern. Er hatte schon wieder meine Gedanken gelesen. Das nervte mich. Ich musste versuchen, nicht zu denken. Aber es gelang mir nicht.