Salzige Perlen

Seit unzähligen Wochen waren wir in diesem Bunker eingesperrt und wir befürchteten nie mehr herauszukommen. Seit unzähligen Wochen  lagen, saßen oder krochen wir. Stehen war unmöglich. Ich hatte es anfangs versucht.

Es gelang mir nur, wenn ich meinen Kopf so weit nach vorn bog, dass ich in meinen Ausschnitt sehen konnte. Mein Nacken kratzte bei diesem Vornüberbeugen an der lehmartigen Decke entlang, und die losen Stückchen krümelten mir auf die Schultern.

Diese winzigen, lehmartigen Partikel bahnten sich einen Weg an meinem Hals entlang, um sich unterhalb des Kehlkopfes mit dem klebrigen Schweiß zu vermischen, der unablässig aus den geweiteten Poren meiner Haut drang. Es bildeten sich sepiafarbene Rinnsale, die sich zwischen meinen Brüsten sammelten und den einst blütenweißen BH in eine Moddergrube verwandelten.

Jasper versuchte nicht zu stehen. Er war einen Kopf größer als ich - für ihn war es unmöglich. Stattdessen lag er am Boden, die Arme unter seinem Kopf verschränkt und beobachtete mich.

„Willst du dich durch die Decke bohren? Setz dich wieder hin und warte“, kommentierte er mein Tun.

Worauf sollte ich warten? Tage kamen und gingen. Nächte waren endlos und voll von Gespenstern. Sie legten sich auf meine Seele und drückten Tropfen für Tropfen den Lebenssaft heraus. Ich kämpfte um jeden Atemzug unter der Last der Gespenstergedanken bis die frühmorgendlichen Sonnenstrahlen sie entthronten und die von ihnen hinterlassenen Wunden streichelten.

Tagsüber bestand die einzige Abwechslung der Monotonie des Vor-sich-hin-Starrens und -Lauschens in einigen Mahlzeiten, die uns in unregelmäßigen Abständen durch eine eiserne Luke in der Tür geschoben wurden.

Durch diese Tür, die vom Boden bis zur Decke reichte, hatte man uns vor langer Zeit in diesen Kerker der Trostlosigkeit gestoßen. Die Mahlzeiten stellten sie auf ein morsches Holzbrett, das sich von innen ein paar Zentimeter unterhalb der Luke befand. Wir machten keinerlei Geräusche, wenn die Luke sich öffnete und bewegten uns erst wieder, wenn sie sich von außen wieder schloss. Wir hatten einfach Angst, sie könnten unsere Anwesenheit bewusst wahrnehmen und uns aus der Lust des Augenblicks heraus, durch die Tür in die Ungewissheit zerren. In diesen Momenten der zwanghaften Starre wusste ich, dass die Welt da draußen gefährlich war.