Abschiednehmen

(Leseprobe)

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Irgendetwas musste schief gelaufen sein. Jakob erinnerte sich an das Wiegenlied, das seine Mutter ihm vorgesungen hatte als er ein kleines Kind gewesen war, und er erinnerte sich an Wilmas Lächeln, als sie sich das erste Mal küssten.

Nach dem strammen Marsch durch die Nacht, mit dem er versucht hatte, die Sehnsucht, den Zorn und die Verzweiflung hinter sich zu lassen, sah er sich dem grauen Haaransatz gegenüber, der ihn aus der staubigen Schaufensterscheibe heraus verspottete.

Grau hin oder her, dachte er, wichtig ist, wie es endet, denn es ist nichts zu Ende solange es nicht gut ist. Er klickte mit dem Daumen eine Flamme hervor, leckte sich über die Lippen und zog hastig an seiner Zigarette. Es dauerte nicht lange, bis sich das Gefühl von Schwerelosigkeit einstellte. Die Lungenbläschen waren nach dem Wettlauf seiner Gedanken geweitet und erwarteten, von Jakob befüllt zu werden.

Jeder erwartete etwas von ihm, und er kam so gut er konnte diesen Erwartungen nach. Er belohnte sich anschließend mit dem Rausch des Nikotins. Er belohnte sich in letzter Zeit ständig, vierzig Mal am Tag, mindestens, für jede Kleinigkeit, die er erledigte. Er belohnte sich, weil er auf die immer wieder kehrenden Fragen seiner Mutter geduldig antwortete, er belohnte sich, weil er den Fernseher ein- und ausschaltete, er belohnte sich, weil er nicht tat, was er tun wollte, aber nicht konnte, weil er ein Mann war, ein Mann und ein Sohn, der kein Kind mehr war, aber eben ein Sohn.

Es war Sonntagnacht und es gab keinen Alkohol mehr und keinen Atem. Er hatte alles verbraucht. Ihm blieben nur die tiefen Züge, die die Betäubung durch den Filter direkt in seinen Kopf schickten, genau dorthin, wo einst die Liebe gewohnt hatte. Und es blieb der Traum von Freiheit, von Unbeschwertheit und Glück.

Jakob schüttelte sich und nahm einen ausgiebigen Zug, bis der glühende Rest zwischen seinen Fingern zerfiel. Seine Augen wanderten über die gläserne Fläche vor ihm, stolperten über fette Lettern, die seinen Blick stoppten – KONKURS.

Er lachte in sich hinein, Konkurs, Ende, Schluss, finito.

Die Nacht war gefroren und schob ihre eisige Hand seinen Rücken hinauf. Jakob befreite sich von ihrem Griff, indem er den wehenden Mantel fester um sich zog. Die Stille, die ihn umgab, tat ihm gut. Er sah dem gelben Stummel nach, der sich durch den schwarzen Tunnel neben dem Schaufenster davon machte.

Wilma hatte sich vor langer Zeit davon gemacht, sie war gegangen als seine Mutter in sein Leben zurückkam.