Die Tragik vom Jetzt

Ich bin das Jetzt. Manche nennen mich beim Namen, andere ignorieren mich. Und ob Sie es glauben oder nicht, die meisten Menschen, die ich auf meiner Reise durch das Universum kennen gelernt habe, wissen nicht, dass ich existiere. Ja. Ja, so ist es. Es ist nicht nur ein lästiges Gefühl, dass mich in den Wahnsinn und aus der Zeit drängen will. Es ist die vermeintliche Realität der Träume, die mich tötet.

Ein Psychiater würde vermutlich behaupten, dass ich mir das nur einbilde und auf die Menschen zugehen soll, denn dann würde man mich auch akzeptieren. Selbstbewusstsein ist das Schlüsselwort. Aber wie soll ich das bitteschön machen, wenn niemand mit mir redet! Wie soll ich die Aufmerksamkeit auf mich lenken, wenn sich jeder nur mit der Vergangenheit und der Zukunft auseinandersetzt und mit ihnen rauschende Feste aus tanzenden Gedanken auf der Couch feiert?

Ich bleibe stets außen vor. Ich kann nichts tun, damit die Menschen wieder etwas mit mir unternehmen, mich mal freudig anlächeln oder einfach glücklich sind, dass ich da bin. Und sollten sie mich doch einmal erwähnen, schlägt mir der blanke Hass entgegen, als wäre ich eine Eiterbeule, die aufplatzt und sich der schleimige Inhalt, bestehend aus Unzufriedenheit, Elend und Selbstzerfleischung über ihre Häupter ergießt und ein Leben mit mir, dem Jetzt, unmöglich macht.

Zurzeit wohne ich bei Marina und Stefan. Die beiden sind miteinander verheiratet und leben in einem schönen Haus. Wie lange schon, weiß ich nicht, weil ich ja Jetzt bin und nicht irgendwann vorher oder später.

Meistens sitze ich gelangweilt in irgendeiner Ecke und warte darauf, dass mich jemand in diesem Hause ruft. Macht aber keiner.

Marina sitzt entweder vorm Computer und liest ihr Horoskop oder sie nimmt sich der Vergangenheit an, indem sie mit einem Gläschen Prosecco auf dem Sofa hockt und stundenlang mit ihrer Freundin Leni von der Vergangenheit schwärmt, die ja so wundervoll war.

„Ach Leni, du glaubst gar nicht, was für eine Partymaus ich gewesen war. Bevor ich Stefan kannte. Seit ich mit ihm verheiratet bin, füllt mich nichts mehr aus. Wir liegen Abend für Abend auf dem Sofa und glotzen in die Röhre. Was gäbe ich darum, die Uhr zurückdrehen zu können.“

Sie erzählt und erzählt, wie glücklich sie doch gewesen war und dass die Zukunft wohl nicht mehr viel für sie übrig hätte. Irgendwann läge sie dann in einem elektrisch verstellbaren Bett und ihr Leben wäre einfach nur Scheiße gewesen.