Freier Fall

Sandrina setzte sich an ihren Schreibtisch, schlug das Formelbuch auf und begann die einzelnen Schritte ihres Vorhabens zu notieren. Dreihundert Meter hoch müsste das Gebäude mindestens sein, damit sie genügend Zeit hatte, genügend Zeit zu fühlen. Dreihundert Meter.

In Las Vegas gab es einen Turm, der war mehr als dreihundert Meter hoch. Aber Sandrina konnte mit ihren dreizehn Jahren nicht einfach so nach Amerika fliegen. Es musste eine andere Möglichkeit geben. Irgendwo in der Nähe, greifbarer.

Man sagte ihr, dass sie dumm sei. Jeder sagte das, die Lehrer, die Mitschüler, hah Mitschüler – sie waren keine Mitschüler, sie waren Dämonen, die sie bis in ihre Träume verfolgen, sie an den Zöpfen zogen, ihr im langen Flur der Schule ein Bein stellten, die ihr Fratzen und Wörter wie Assi ins Gesicht schlugen. Und das alles nur, weil sie langsam war, langsamer als die Anderen und weil sie die Tochter von Ihm war, Ihm, dem Zombie vom Hochhaus, dem Säufer, der sein Geld direkt vom Amt in die Kneipe trug.

Sie hatte gehört, wie sich Frau Meyer, die sie in Deutsch hatte und Herr Kutscher, der sie über den Sportplatz hetzte, darüber unterhielten. Frau Meyer war nett und Sandrina hatte sich geschämt, als sie beim Lauschen von ihr gesehen wurde. Frau Meyer hatte gelächelt und zu Herrn Kutscher „Armes Kind“ gesagt.

Sie wäre gern Frau Meyers Tochter. Aber die hatte schon eine.

Sandrina wollte allen beweisen, dass sie nicht dumm war und kein Assi, sie würde es allen beweisen, auch Frau Meyer, obwohl die nicht so war wie die Anderen.

Sandrina  konzentrierte sich, um die Zeit herauszufinden. Die Zeit für den Weg von dreihundert Metern. Freier Fall. Endlich. Da waren sie. Es gab zwei Formeln, die sie benötigte. Freier Fall. Kerstin hatte ihr davon erzählt. Kerstin ging in die neunte Klasse und sie war ein bisschen wie Frau Meyer – nett.

Freier Fall musste etwas wunderbares sein. Sandrina kratzte sich mit dem Stift am Ohr.

„Sandrina!“ Die Worte schlugen durch die hölzerne Tür direkt in ihren Kopf.

„Sandrina!“

Er stieß heftig die Tür zum Kinderzimmer auf, so dass diese gegen den Schrank prallte und ein Stück davon absplittern ließ. Im Laufe der Zeit hatte die Zimmertür ein Kunstwerk in den Schrank geschlagen, das Sandrina jetzt betrachtete. Bevor sie sich Ihm zuwandte. Er da stand, Er, Sandrinas Vater, mit hochrotem Kopf, breitbeinig, mit genetztem Unterhemd im Türrahmen und keuchte: „Was machst du verflucht noch mal den ganzen Tag?“

„Ich lerne.“

„Lass den Mist und kümmere dich um deinen Bruder, der hat sich voll geschissen. Das stinkt hier wie im Bärenarsch.“ Sandrina musterte Ihn. Breitbeinig, wie der Eifelturm. Der ist dreihundert Meter hoch und steht in Paris. Dort könnte sie  mit dem Zug hinfahren.

„Wo ist Mama?“

„Die holt was zu fressen. Los beweg dich.“

Er machte ein paar Schritte auf Sandrina zu, die abwehrend die Hände über ihren Kopf hielt.

Eifelturm. Dreihundert Meter hoch. Freier Fall.