Wenn Sterne sterben

(Leseprobe)
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 „Siehst du, wie einzigartig die Sterne funkeln?“, flüsterte sie in die Dunkelheit und drückte sich gegen meine Schulter. Ihr Kopf wog schwer wie ein Stück Blei auf meinem Arm.

Ich antwortete nicht. Ich war zu müde vom Tag, zu müde vom Laufen in den Gängen des Bahnhofs und vom Suchen nach Essbarem und einem mitleidigem Menschen, der  mir ein paar Centstücke in den leeren Kaffeebecher werfen würde.

„Sieh doch einfach mal nach oben.“ Sie bohrte mir ihren Ellenbogen in die Seite. Ich lag auf dem Rücken und hätte nur die Augen zu öffnen brauchen. Stattdessen zog ich die Augenlider fester nach innen.

 „Matteo? Glaubst du, dass die Sterne irgendwann einmal alle gleichzeitig zur Erde fallen? So wie Regen. Wenn es Sterne regnet, stelle ich mir das wie einen wundervollen funkelnden Feuerregen vor.“ Sie seufzte.

Bevor ich hierher in die Behausung hinter dem Bahnhof umgezogen war, hatte mich das Schicksal porös gemacht. Jedes Wort des Trostes folterte meine durchlässige Seele und zerschnitt mein Leben Stück für Stück. Ich sehnte mich blutig nach der vergangenen Zeit, als die Welt noch nach frühlingsfrischen Blumen gerochen hatte. Niemand zeigte Verständnis für die Sehnsüchte, die mich überkamen, wenn ich auf der Brücke stand, in die nebelschaurige Tiefe sah und die Erlösung rauschen hörte.

Nach unzähligen durchweinten Nächten konnte ich endlich wieder durchatmen. Eine Mauer aus Stahl schützte mich vor feindseligen Angriffen von Leuten, die einst meine Freunde gewesen waren.

Ich hatte zu mir selbst zurückgefunden und mir eine neue Zeit, die vom rastlosen Laufen geprägt war, geschaffen.

Und jetzt klammerte sich dieses Mädchen an mich und seine Worte zerfraßen den Stahl wie Säure und drangen tropfend in meine Erinnerung. Ich fürchtete mich davor, dass der Schmerz von neuem beginnen würde.